und die Überlegung, sich selbst oder anderen ...
Als hochsensible Person (HSP: Highly Sensitive Person) kommt man schnell in Situationen, in denen der Begriff „lebensmüde“ stark an Bedeutung gewinnt. Vor allem dann, wenn man übermäßig von Rummelplatzgerechtigkeit umgeben ist – und das als Einziger erkennt. Oder der Einzige ist, der sich dagegen auflehnt, während alle anderen derartige Situationen stillschweigend ertragen.
„Man“ ist Patrick, 27 Jahre jung. Ich habe Patrick in der MHH Hannover im Jahr 2020 kennengelernt. Ihm wurde eine Spenderleber transplantiert – mir eine Niere. Recherchen zu
einem neuen Abenteuer der Blackfin Boys führten mich nach Straßburg, wo Patrick jetzt lebt. Wir hatten uns Anfang Juni im PISCINE DU WACKEN
getroffen und ein paar Stunden gelabert.
Patrick ist hochgradig hochsensibel, das ist ihm auch klar. Er erlebt alles um sich herum extrem intensiv und verfügt über feinste Antennen, die sämtliche Schwingungen seiner
Mitmenschen wahrnehmen. Lügt eine Person, erkennt Patrick das sofort. Überhaupt ist sein Gegenüber – in welcher Situation auch immer – stets ein offenes Buch. Ein Buch, das
er oft gar nicht lesen will, sagte er mir leise, so ganz beiläufig.
Patrick hat auch ein überdurchschnittlich starkes Verhältnis zu Gerechtigkeit. Diese Eigenschaft ist unter HSPs weit verbreitet. Unerträglich sei das Gefühl, wenn er nichts gegen Ungerechtigkeit unternehmen könne. Als wir zufällig auf das Thema Rauchen zu sprechen kamen, erzählte mir Patrick eine Geschichte. Eine wahre Geschichte, die ich jetzt aus seiner Perspektive schreibe. So, wie Patrick eben „labert“:
Da arbeite ich in einer Behörde in einer Gruppe mit insgesamt vier Leuten in einer Abteilung. Drei davon Raucher, die jede Stunde eine Raucherpause machen. Die Behörde erlaubt, dass diese Pausen während der Arbeitszeit gemacht werden dürfen – also ohne dabei auszustempeln. Kurz gesagt, für's Rauchen werden sie bezahlt. Ich als Nichtraucher muss in dieser Zeit, wenn meine Kollegen draußen im Raucherbereich eine durchziehen, meiner Arbeit nachgehen. Ich könnte ebenfalls nach draußen gehen, für ein paar Minuten frische Luft schnappen oder einfach nur kurz den Kopf frei bekommen. Doof nur, dass ich, weil ich ja nicht rauche, ausstempeln muss.
Und jetzt kommt der Hammer, T. (Anm.: T. bzw. T-Punkt ist mein Spitzname), pass auf – da gehen die zu dritt rauchen und schmeißen mir im Vorbeigehen eine Akte auf meinen Tisch mit der Anweisung,
diese in ihrer wohlverdienten Raucherpause zu bearbeiten und zum Abschluss zu bringen. Alter, ich sach dir, als Sportschütze hatte ich da so meine Gedanken. Es ist eine Mischung aus
Lebensmüdigkeit und Rachsucht. Dann wundert sich die obere Etage – wieso hat der sich am Arbeitsplatz erschossen? Wieso ist der aus dem Fenster gesprungen? Aber weißt du was? Die
wollen es eigentlich gar nicht wissen
Na ja, zurück zu den Rauchpausen. Jede Stunde gehen die rauchen. Mindestlänge: 8 Minuten. Maximale Länge, die ich gemessen habe: 24 Minuten! Überwiegend sind es aber 15 bis 20 Minuten. Die arbeiten Vollzeit, ich Teilzeit – also vier Stunden. Lass uns weiter rechnen.
Ich arbeite von meinen 4 Stunden Arbeitszeit insgesamt 3 Stunden und 50 Minuten.
Die arbeiten von ihren 8 Stunden vielleicht 6 Stunden – eher weniger –, an manchen Tagen noch weniger, wenn das Wetter schön ist und man gerne draußen ist.
Und dann wundert sich die Behördenleitung, wieso sich Quiet Quitting breitmacht?! Ist das ein Wunder bei dieser Rummelplatzgerechtigkeit? Ich glaube nicht! Vielleicht sollte ich Raucher werden, um die gleichen Rechte zu bekommen
Dann diese Sache mit dem Beantragen von Urlaub. Mir hat man gesagt, wenn ich Urlaub beantrage, muss das mit allen Gruppenmitgliedern besprochen werden. Es geht nicht, dass einer einfach eine Flugreise bucht und darauf pocht, in diesem Zeitraum auch Urlaub zu bekommen. Klar, das ist doch logisch – und es ist fair
Drei Tage später erfahre ich durch Zufall, dass die Gruppenleitung kurzfristig Urlaub genommen hatte. Ich war leicht verwirrt – sollte das nicht mit allen besprochen werden? Nach Rücksprache erhielt ich die entsprechende Antwort: „Die Reise war sooo günstig, die musste ich sofort buchen.“
Diese und ähnliche Situationen treten regelmäßig auf – in allen möglichen Variationen. Wer hält das aus? Wer will das aushalten? Muss ich das aushalten? Das ist dann der Punkt, dieser eine Moment der absoluten Verzweiflung, an dem Lebensmüdigkeit aufkommt. Aber warum sollte ich der sein, der abtritt? Da sind wir wieder bei der Mischung aus Rachsucht, Lebenslust und Überlebenswillen.
Es gibt Arbeitsstellen – gerade in Behörden –, die sind nichts für nette Menschen. Es gibt Arbeitsstellen, an denen Krieg unter den Angestellten herrscht. Ein Krieg, der überwiegend im unteren Bereich der Hierarchie stattfindet. Dieser Krieg wird von ganz oben gebilligt. Anschwärzen, verpfeifen, verraten – Eigenschaften, die inoffiziell erwartet werden und die einen weiterbringen.
An manchen Tagen habe ich mir gewünscht, dass mich ein Auto auf dem Weg zur Arbeit anfährt. Nicht sehr doll, nur so, dass ich für zwei oder drei Wochen arbeitsunfähig gewesen wäre.
Heute (Anm.: 25.06.2023) sitze ich hier mit dir, esse Pommes mit Mayo und trinke eine kalte Cola aus der Dose. Am Mittwoch fliege ich für ein halbes Jahr nach Argentinien. Keine Probleme, kein Ärger, keine Sorgen. Weißt du, T. – es gibt da zwei Sätze, die habe ich während meiner Schulzeit auswendig gelernt:
"Protest ist, wenn ich sage, das und das passt mir nicht. Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, dass das, was mir nicht passt, nicht länger geschieht."
Das ist der Drang zum reinen Selbsterhalt, mein Lieber.
Wir saßen noch einige Stunden faul im Schatten und genossen das sommerliche Klima. Für gute zehn Minuten schwiegen wir. Dann bestellten wir noch eine Runde Pommes mit Mayo und sprachen über Urlaubs- und Zukunftspläne. Ich glaube, dass Patrick auf einem guten Weg ist, auch wenn die ganze Sache tiefe Narben auf seiner Seele hinterlassen hat. Trotzdem – ich bin mir sicher, dass er ein Kämpfer ist. In jeder Hinsicht.
Text und Fotos © Thomas Mildner-Rotermund / Creative Commons: CC BY-ND


