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Umschulung im BFW

Zwischen Spitzen-Dozenten und Diktaten aus der 5. Klasse: Meine Chroniken aus dem BFW Bad Pyrmont

Wer aus gesundheitlichen Gründen seinen alten Beruf aufgeben muss, steht vor einem riesigen Berg an Ungewissheiten. Im Jahr 2012 führte mich mein Weg ins Berufsförderungswerk (BFW) Bad Pyrmont (offizielle Homepage). Das Ziel: Eine Umschulung zum Verwaltungswirt.

 

Eigentlich war es keine klassische Umschulung, sondern das Erlernen eines komplett neuen Berufs. Und das im Zeitraffer: Weil der Versicherungsträger grundsätzlich nur zwei Jahre bezahlt, mussten wir uns den Stoff einer regulären dreijährigen Ausbildung in nur 24 Monaten aneignen. Ein straffes Programm.

Was ich dort erlebte, war eine Berg- und Talfahrt zwischen absoluter Professionalität und bürokratischem Irrsinn.

 

Der Vorbereitungskurs: Ein bunter Haufen und die erste Lektion in Sachen „Einschränkung der Meinungsfreiheit“

 

Bevor die eigentliche Ausbildung im Sommer startete, besuchte ich einen dreimonatigen Vorbereitungskurs des BFW. Die Idee dahinter war großartig: Nach langer Krankheit oder Arbeitslosigkeit wieder eine Routine für das Arbeitsleben zu entwickeln, sich einzuleben und Kontakte zu knüpfen. Von Montag bis Freitag, jeweils von 07:50 bis ca. 13:00 Uhr, hieß es wieder: Schulbank drücken.

 

Die Klasse war mit über 30 Leuten rappelvoll und ein extrem bunt gemischter Haufen. Einige wollten wie ich Verwaltungswirt werden, andere starteten danach als Buchmacher oder Orthopädieschuhtechniker. Und dann gab es da noch die Fraktion „Null Bock“. Auf meine Frage in der Pause, warum einer der Teilnehmer überhaupt hier sei, antwortete er trocken: „Ich würde sonst kein Geld mehr von der Rentenversicherung bekommen.“ Von dieser Sorte gab es glaub ich 5 oder 6 Leute.

 

Der Vortrag und das absolute Redeverbot

 

Der Unterricht bestand viel aus Mathe und Deutsch. Für eine Gruppenarbeit bildete sich um mich herum eine Vierergruppe, um einen Vortrag auszuarbeiten. Das Problem: Zwei von uns hatten absolut keine Lust. Also zog ich das Projekt mit dem einzig verbleibenden, motivierten Kollegen durch. Um den trockenen Stoff aufzulockern, bauten wir ein paar subtile, zweideutige Versprecher ein.

Beim Vortrag kam das super an – die Klasse lachte, hörte aber auch aufmerksam zu. Der Kursleiter hingegen fand es gar nicht komisch. Er verpasste uns eine schlechte Bewertung mit der Begründung, wir hätten uns so oft versprochen. Als ich klarstellen wollte, dass das Absicht und so vorbereitet war, wurde ich sofort abgewürgt:
  
„Sie haben meine Kritik ohne Kommentar oder Rechtfertigung hinzunehmen. Das gilt für alle: Ich bewerte, was Sie tun, und Sie nehmen das stillschweigend an.“

 

Nur mal so am Rande und ganz beiläufig: Die Unterdrückung der freien Meinungsäußerung ist eines der zentralen Kernmerkmale des Faschismus!

 

Die finale Abrechnung und mein persönlicher Abgang

 

Das zog sich die vollen drei Monate so durch. Zum Ende gab es einen offiziellen Bewertungsbogen – natürlich wieder mit dem Hinweis, dass man sich dazu nicht äußern dürfe. Die Ergebnisse waren an Absurdität kaum zu überbieten:

  • Mein Sitznachbar Christian – ein absolutes Mathe-Genie – bekam schriftlich attestiert, er habe eine Rechenschwäche.

  • Ich selbst bekam das Urteil: „Unfähig, soziale Bindungen zu schließen.“ Ein handfester Witz, wenn man bedenkt, dass mich die Klasse kurz zuvor zum Klassensprecher gewählt hatte.

Mir platzte der Kragen – vor allem, weil ich merkte, dass niemand so richtig mit seiner eigenen Bewertung zufrieden war. Vor den Augen des verdutzten Dozenten und der gesamten Klasse zerriss ich meine Bewertung in kleine Papierschnipsel und verließ den Raum. Mein erster Gedanke: Mein Gott, wo bin ich hier bloß gelandet?


Die glänzenden 50 % Spitzenqualität und Wohlfühloase

 

Im Sommer begann dann die eigentliche, zweijährige Ausbildung zum Verwaltungswirt. Und hier zeigte das BFW  seine Schokoladenseite.

 

Rund die Hälfte der Ausbildung war extrem interessant und hochprofessionell. Das BFW hatte hochrangige Mitarbeiter aus realen Behörden als Dozenten gewonnen. Ihr Praxis- und Fachwissen war für uns Gold wert. Wir bekamen wertvolle Tipps direkt für die Abschlussprüfung, und der Unterricht machte richtig Spaß. Kleiner Tipp: Behandelt eure Ausbildungs-Dozenten wie kleine Götter, dann sind sie auch gut zu euch! Stellt ab und zu kurz vor Unterrichtsbeginn eine Flasche Jack Daniels (den guten) oder einen kleinen Fresskorb auf deren Schreibtisch im Klassenzimmer. Das gilt nicht für die Dozenten in EDV, Mathe und Deutsch oder für sonstigen Blödsinn, der nichts mit der Ausbildung zum Verwaltungswirt zu tun hat!

 

Auch die Unterbringung vor Ort war überdurchschnittlich gut:

  • Saubere und gemütliche Zimmer: Wer von weiter weg kam und im BFW wohnte, baute sich oft eine richtige kleine Oase der Entspannung auf (inklusive mitgebrachtem Flachbildfernseher).

  • Gute Gemeinschaft: Nach Feierabend trafen wir uns regelmäßig auf den schön eingerichteten Zimmern, quatschten und hatten einfach eine gute Zeit.

 

Die düsteren 50 %: Wenn Erwachsene wie Kinder behandelt werden

 

Doch dann zog ein dunkler Nebel über der Umschulung auf. Der eigentliche Stoff für den Verwaltungswirt war ohnehin extrem umfangreich, hart zu lernen und von regelmäßigen, knallharten Klausuren begleitet. Wer nur Fünfen schrieb, musste den Kurs verlassen, weil eine weitere Ausbildung dann keinen Sinn mehr machte. Zeitmanagement war alles. An Tagen, an denen der Unterricht schon um 11:00 Uhr endete, hätte man die Zeit dringend gebraucht, um den Stoff auf dem Zimmer nachzubereiten.

 

Aber Fehlanzeige. Plötzlich tauchte eine Grundschullehrerin im Unterrichtsplan auf und verordnete uns allen Mathe und Deutsch. Wir reden hier nicht von Verwaltungsschriftverkehr, sondern von Diktaten und Textaufgaben aus der 5. Klasse. Angeblich, weil die Versicherungsträger diese Stunden dem BFW gegenfinanzierten. Teilnahme war also Pflicht!

  • Verschwendung von Ressourcen: Plötzlich machten diese absolut prüfungsirrelevanten Fächer in einigen Wochen fast 25 % des Unterrichts aus. Dazu kamen 180 Minuten am Stück EDV-Unterricht für simpelste Word- und Excel-Aufgaben. Zeit, die man hätte sinnvoller investieren können.

  • Respektlosigkeit: Die Grundschullehrerin drängte erwachsene Menschen mit Gewalt zurück in die Kindheit. 40 Jahre Lebenserfahrung und 25 Jahre Arbeit als gelernter Kaufmann im Einzelhandel wurden einfach ausradiert. Ich war nicht mehr Herr Mildner-Rotermund, sondern nur noch „Thomas“. Und wieder galt: Noten und Kritik waren ohne Fragen oder Kommentare hinzunehmen. Und man hat sich gefügt, weil es für viele die letzte Chance war, sich beruflich zu verändern und damit ein neues Leben zu beginnen. Wurde diese Tatsache als Druckmittel missbraucht? Entscheidet selbst.

 

Meine Entscheidung und die Quittung auf dem Zeugnis

 

Für mich war das Maß voll. Zu diesem Zeitpunkt betrug meine Nierenleistung aufgrund der Dialyse gerade einmal 15_%. Meine Kräfte waren ohnehin am Limit. Also traf ich eine strategische Entscheidung: Ich konzentrierte mich voll auf die prüfungsrelevanten Fachfächer und ließ mich wegen Erschöpfung von den überflüssigen Deutsch- und Mathestunden freistellen.

 

Die Quittung der Lehrerin folgte prompt auf dem Abschlusszeugnis: Eine 5 in Deutsch und eine 5 in Mathe. Ihre Begründung: „Wie soll ich jemanden bewerten, der nie da war? Also gibt es eine Fünf.“ Ja, das ist wirklich sehr logisch. Wenn ich nie da war, kannst du mich auch nicht bewerten, du Witzfigur!

 

Mein Rat an alle aktuellen Umschüler im BFW

 

Lasst euch nicht alles gefallen! Wenn ihr aus gesundheitlichen Gründen an diversen Zusatzfächern nicht teilnehmen könnt, merkt sofort in der BFW-Verwaltung an, dass diese Fächer dann auch nicht auf eurem Abschlusszeugnis auftauchen dürfen. Informiert im Zweifel direkt euren Versicherungsträger (z. B. die Rentenversicherung) über diese Praxis. Wenn ihr eine Umschulung zum Verwaltungswirt macht, stellt ihr euch und anderen sowieso ständig die Frage: „Auf welcher rechtlichen Grundlage eigentlich …?“.

 

Das Praktikum und der Bericht

 

Der Kampf um das eigene Urheberrecht:

Zu jeder Umschulung gehört bekanntlich auch ein Betriebspraktikum, das etwa fünf Monate dauerte. Am Ende muss darüber ein Praktikumsbericht verfasst werden – und wer überwachte das Ganze? Richtig, wieder die besagte Deutsch-Lehrerin. Hier kam es zum nächsten Eklat: Man wollte mir dort ernsthaft das geistige Eigentum und den Anspruch auf das Urheberrecht für meinen eigenen Bericht verwehren! Lasst euch so etwas bloß nicht bieten. Ihr investiert eure Zeit und eure Arbeit in diese Seiten. Ihr seid die Autoren eures eigenen Berichts und damit Rechteinhaber – und niemand sonst © Was ihr machen könnt: Ordnet eurem Praktikumsbericht eine Creative-Commons-Lizenz zu (Infos auf der CC Website)

 

Ziemlich demütigend:
Die Lehrerin las einige von ihr ausgewählte Praktikumsberichte vor der gesamten Klasse vor – mit dem klaren Fokus auf Formulierungsfehler, Rechtschreibung und alles andere, was sie bemängeln konnte. Einige Teilnehmerinnen hatten Tränen in den Augen. Als Klassensprecher habe ich dieser Lehrkraft in den vergangenen zwei Jahren immer wieder signalisiert, dass ihr gesamtes Verhalten absolut inakzeptabel sei. Es war ihr jedoch völlig scheißegal. Die Verwaltung wurde über das Fehlverhalten dieser Lehrerin bereits von mir informiert.

 

Das Happy-End ☺︎

 

Falls ihr euch fragt, was aus mir geworden ist: Bei meiner späteren Bewerbung bei einer Verfolgungsbehörde wurde ich im Vorstellungsgespräch natürlich auf die beiden Fünfen angesprochen – sie passten einfach überhaupt nicht zu meinem restlichen Lebenslauf.

 

Ich war ehrlich, legte die Karten auf den Tisch und erklärte die Situation im BFW Bad Pyrmont. Einer der Prüfer im Raum nickte nur und meinte, er kenne diese Vorgehensweise von dort bereits. Ich habe den Job bekommen und dort einige Jahre verbracht. Heute schreibe ich die Abenteuer der Blackfin Boys und fotografiere auf 35mm Film. Alles ist in bester Ordnung.

 

Wichtiger Hinweis: Meine Erfahrungen stammen aus den Jahren 2012 bis 2014. Vielleicht hat sich die Situation mittlerweile gebessert? Wie auch immer: Macht am Ende einfach das, was das Beste für euch ist. Sicher ist aber: Ihr bekommt eine hochwertige Ausbildung – und damit fängt ein neues Leben an ☺︎

 

– ENDE –

Aus dem Klassenzimmer:

Aus dem BFW-Leben:

Text und Fotos © Thomas Mildner-Rotermund / Creative Commons: CC BY-ND

Alle Creative-Commons-Lizenzen im Überblick auf der Homepage von bpb.de/lernen

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