Synästhesie im Kindesalter
Ich kann mich noch sehr gut erinnern – es war 1977 und ich war Schüler in der 1. Klasse einer Grundschule im Stadtteil Westhagen in Wolfsburg. Die Lehrerin spannte eine ABC-Karte in den Kartenständer ein. Kindgerecht waren die Buchstaben farbig dargestellt.
Der Buchstabe A war orange. Das fand ich merkwürdig, denn ich hatte das Alphabet zuvor schon mehrmals „gemalt“ – bei mir war der Buchstabe A immer blau. B war bei mir gelb, auf der Plane aber war B grün.
Während die anderen Kinder dabei waren, Aufgaben zu lösen, die die Lehrerin der Klasse aufgetragen hatte, kämpfte ich noch mit dem Problem der Farbzuweisung; schließlich musste ich komplett umdenken. Am Ende der Stunde hatte ich keine der gestellten Aufgaben erledigt. Das ging wochenlang so. Das Problem verschwand auch nicht, als zusätzlich ein großes Plakat aufgehängt wurde, welches die Wochentage darstellte – und zwar farbig. Der Montag hatte die Farbe Grün. Was für ein Blödsinn, dachte ich. Der Montag ist blau, genauso wie der Buchstabe A.
In den kommenden Schultagen war ich angestrengt damit beschäftigt, das Durcheinander von Zahlen, Buchstaben und Wochentagen in eine farbliche Ordnung zu bringen, die meinem eigenen Verständnis völlig widersprach. Schließlich empfahl der Schuldirektor meiner Mutter, mit mir einen Kinderpsychologen aufzusuchen. Der prophezeite, dass ich niemals einen Schulabschluss machen, geschweige denn einen Beruf erlernen würde. Ich sei nicht aufnahmefähig.
Nun ja, heute weiß ich, dass ich völlig abschalte, wenn mir Menschen völligen Mist erzählen. Wahrscheinlich war das damals auch schon so. Egal, den Schulabschluss habe ich gemacht, und zwei Berufsausbildungen (Kaufmann im Einzelhandel und Verwaltungswirt) folgten im Laufe meines Lebens. Was ist die Moral dieser Geschichte?
Synästhesie kann bereits im Kindesalter auftreten – wobei das nicht ganz richtig ist. Sie ist da, schon immer. Wenn kein Mensch davon Ahnung hat, ist man Unwissenden, die in einer übergeordneten Rolle Einfluss auf die Zukunft der betroffenen Kinder nehmen, hilflos ausgeliefert. Stellt das Kind den Lehrkörper in seinem Verhalten und Denken nicht zufrieden, kann die Schulzeit schnell zu einem Horrortrip werden. Und mit diesem Trip muss so ein kleines Würmchen allein zurechtkommen. Das darf nicht passieren!
Eltern und Lehrer sollten sich informieren, denn die von mir dargestellte Art der Synästhesie ist eigentlich noch ziemlich harmlos, auch wenn sie mich in meiner Kindheit schon echt behindert hat und ich dadurch unnötigen Schwierigkeiten ausgesetzt war.
Bitte lesen Sie zu diesem Thema das Forschungsprojekt „Synästhesie bei Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen als pädagogische Herausforderung“ von Herrn Dr. med. Markus Zedler auf der Homepage der MHH Hannover.




